Forschung: Present Time Composition

Alles begann 2011 mit einem Workshop zu Present Time Composition (PTC) in The Other Music Academy in Weimar. Die Improvisationsmethode entwickelt und vermittelt durch meinen späteren Lehrer und Freund Alan Bern zog mich derart in seinen Bann, dass ich sie zum Thema meiner Masterarbeit machte. Darauf folgten intensive Jahre des Literaturstadiums und praktischen Lernens über die Hintergründe und didaktischen Kniffe um die Methode selbst unterrichten zu können. 
Zu Beginn untersuchte ich vor allem das Konzept ‚embodied cognition‘, wodurch ich eine Anstellung im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Universität in Leuven (Belgien) erhielt. Ich bekam damit die Gelegenheit mich in die Rolle des Körpers während der Erfahrung und des Lernens von Musik zu vertiefen. Dies wiederum schaffte die Voraussetzung für meine folgende Anstellung am Konservatorium in Antwerpen, wo ich, ebenfalls im Rahmen eines Forschungsprojektes, die Gelegenheit erhielt vier Semester lang klassische Musikstudenten anhand der PTC-Methode zu unterrichten.

Darüber hinaus hatte ich das Glück Present Time Composition noch an ein paar anderen besonders schönen Orten und Gelegenheiten unterrichten zu können: eine davon war das Weimarer Project WaldSinnPhonie, indem eine Gruppe Musiker die Performance einer Schauspielertruppe begleitete. Außerdem unterrichtete ich PTC in METRIC, einem von der EU subventionierten Projekt, das Studenten und Professoren von Musikhochschulen aus ganz Europa zusammen brachte, um ihr Wissen über das Unterrichten von Improvisation miteinander auszutauschen. Und hier stopp ich mit dem Geprahle.

Aber was ist nun eigentlich PTC? Ausgangsgedanke ist, dass Komposition nicht notgedrungen ein intellektuelles Produkt ist, sondern es einer Gruppe Musikern möglich ist, willentlich komplexe und ‚kompositorisch‘ sinnvoll strukturierte Musik zu improvisieren. Dies geschieht durch einen Prozess von Erkennen, Unterhandeln und in Kontextsetzen verschiedenster musikalischer Gesten. Es wird davon ausgegangen, dass sich Musiker der musikalischen Sinneinheiten bedienen können, um ihre Intentionen über den weiteren Verlauf eines Stückes einander deutlich zu machen.

Diese Art des gemeinsamen Musizierens stellte auch in unserer westlichen klassischen Musikwelt jahrhundertelang die Standard-Musizierpraxis dar, bis das Bild vom genialen Komponistengenie, der allein in seinem Stübchen über den Partituren brütet, spontane Kommunikation unter Musikern und individuelle Kreation von Musik verdrängte – ja dies der Qualität der (notierten) Musik selbst schadet, so die Überzeugung Vieler.

Somit ist eines der Hauptziele von PTC, Musikern zu ermöglichen, Musik nicht als zu perfektionierendes Reproduktionsprodukt einer unbestreitbaren Komponistenautorität zu erfahren, sondern
als einen fließenden Prozess des Bedeutung-Schaffens durch mit sich, seinen Mitmusikern und dem Publikum in Dialog zu treten.

Und, als ob das noch nicht genug wäre, bewährt PTC, dass das Training auf diese Weise Musik zu machen ( – ja, es IST Training, wie in einem Sportteam) den Musikern hilft, Musik tiefgreifender zu erleben, zu verstehen und zu interpretieren.

Über all diese Dinge habe ich also unzählige wissenschaftliche Artikel gelesen und auch selbst ein paar verfasst. Es ist nicht einfach und doch sehr zufriedenstellend.

Mir ist bewusst, dass dies alles sehr abstrakt ist und wahrscheinlich auch etwas seltsam klingt. Trotzdem, wenn Du mehr wissen möchtest, zöger nicht mich oder Alan zu kontaktieren. Wir freuen uns immer unser Wissen auszutauschen.